Der frühere Theaterintendant Manfred Beilharz hat seinen beruflichen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden übergeben. Den Schenkungsvertrag unterzeichneten am 22. Januar Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl sowie Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg. Beilharz stellte dem Stadtarchiv mehr als dreißig Kisten mit Unterlagen aus seiner über fünfzig Jahre währenden Theaterkarriere in Aussicht.
Karriere und Stationen
Beilharz, geboren in Böblingen, begann seine Laufbahn nach Studien der Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft und einer Promotion im Theater- und Urheberrecht als Regieassistent an den Kammerspielen in München. Beruflich führte ihn sein Weg in die ersten Leitungsfunktionen ins Ruhrgebiet und später nach Tübingen, Freiburg und Kassel. In Bonn war er von 1991 bis 2002 zunächst Intendant des Schauspiels und ab 1997 Generalintendant des zum Theater der Bundesstadt Bonn vereinigen Hauses. 2002 übernahm er die Intendanz in Wiesbaden und prägte das Hessische Staatstheater dort über mehr als ein Jahrzehnt.
In seiner Laufbahn initiierte Beilharz mehrere Festivals, darunter die 1992 in Bonn gegründete Biennale Neue Stücke aus Europa, die später in Wiesbaden fortgeführt wurde. Internationales Engagement und Austausch gehörten zu seinem Programm. Seit 1993 ist er dem Internationalen Theaterinstitut der UNESCO verbunden, dessen Weltpräsident er von 2002 bis 2008 war und dessen Ehrenpräsident er heute ist. Neben seiner Intendanztätigkeit lehrte er unter anderem an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Für sein Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande und die Goethe Plakette.
Inhalt des Vorlasses
Der übergebenen Bestand umfasst Programmhefte, Fotografien, Spielzeitprogramme, Inszenierungs skizzen, Korrespondenz mit Rechtsträgern und weitere Briefe sowie Presseunterlagen. Beilharz sagte, er habe Materialien aus allen Stationen seines Schaffens zusammengetragen, um so etwas wie eine geschlossene Künstlerbiografie herzustellen. Stadtarchivleiter Dr. Quadflieg betonte den besonderen Wert des Vorlasses: Er bilde neben der Intendanz in Wiesbaden auch die internationalen Perspektiven einer ungewöhnlichen Theaterkarriere ab und bestehe aus sehr unterschiedlichen Schriftstücken und Fotografien.
Besondere Erinnerungsstücke und internationale Projekte
Ein markantes Objekt im Vorlass ist ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn, das ihm Hanna Munitz, ehemalige Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, geschenkt hat. Beilharz erinnerte an die Produktion von Alban Bergs Oper Wozzeck, die er 2003 in Wiesbaden eröffnete und 2005 in Tel Aviv inszenierte. Die Aufführung in Tel Aviv fand unter der musikalischen Leitung von Asher Fisch statt und wurde unter anderem von Bundespräsident Horst Köhler sowie einer städtischen Delegation aus Wiesbaden begleitet. Laut Beilharz wurde das Werk dort innerhalb von drei Wochen 14 Mal gespielt. Bei der Vertragsunterzeichnung demonstrierte der 87 Jahre alte Beilharz den Ton des Schofars, was der kleinen Zeremonie einen heiteren Moment verlieh.
Reaktionen und Ausblick
Dr. Schmehl sagte, die Stadt sei dankbar, dass Beilharz das Stadtarchiv für die dauerhafte Aufbewahrung seines Vorlasses ausgewählt habe. Der Bestand soll künftig auch Forschenden erlauben, die Rolle internationalen Austauschs in Beilharz Karriere nachzuzeichnen. Zum Abschluss der Unterzeichnung äußerte Beilharz nachdenkliche Worte zur gegenwärtigen politischen Lage und die Hoffnung auf mehr internationalen Austausch: „Leider haben sich inzwischen in Russland, in Europa und in Israel, und nicht nur dort, die politischen Verhältnisse geändert. Es wäre an der Zeit, die Uhr zurückzudrehen und einen Neuanfang zu wagen.“
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